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Saturday, September 5, 2020

Deutschland: Genießertour durchs Keschdeland - Nordwest-Zeitung

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Leinsweiler /Weyher Im Herbst dreht sich an der Südlichen Weinstraße fast alles um den Wein. Und um die Kastanie. Denn auch die „Keschde“ ist dem Pfälzer eine Herzensangelegenheit.

Beides, den Wein und die Kastanie, haben sie den Römern zu verdanken. Es gab Zeiten, da war die Kastanie ein Zubrot in Hungerjahren, ein Ersatz auch für Fleisch. Da mussten die Kinder mit in den Wald und sammeln. Heute zieht die Familie freiwillig los, ausgestattet mit Rucksack oder Jutetasche – eine Art pfälzisches Sonntagsvergnügen.

Ein beliebtes Ziel solcher Ausflüge ist Schloss Villa Ludwigshöhe oberhalb von Edenkoben, direkt an der Grenze von Wald und Weinberg. Der Prachtbau ist nicht zu übersehen. Ludwig I. ließ ihn errichten, zu Zeiten, als die Pfalz noch zum bayrischen Königreich gehörte. Anno 1826 wünschte der König eine Villa italienischer Art, „nur für die warme Jahreszeit am schönsten Platz des Landes“, erzählt Gästeführer Wilfried Vetter. Gut zweieinhalb Jahrzehnte später war alles fertig und vom Feinsten, bis hin zum beheizbaren Handtuchhalter.

Größter Kastanienwald

Alle, die mal an einer Führung mit Wilfried Vetter teilgenommen haben, erinnern sich an die Küche, mit Grill für das halbe Schwein und dem „Delikatessenherd“ für kleine Speisen. Nur dass der nicht allzu oft angeheizt wurde. „Ludwig I. war ganze acht Mal hier“, sagt Vetter, es klingt fast ein wenig vorwurfsvoll. Derzeit wird die Villa saniert. Ab 2022 dürfen Besucher wieder in Puschen über das edle Holzparkett schlurfen. Aber auch von außen lohnt ein Blick auf die doppelstöckige Loggia.

Zurück zu den Kastanien. Auch sie sind ein Erbe von Ludwig I., denn der verzichtete auf den sonst üblichen Park, die Landschaft war ja schön genug, und ließ stattdessen über 25 000 Esskastanien pflanzen. Und weil die immer wieder aussamen und die Eichhörnchen noch ein bisschen nachhelfen, haben die Pfälzer heute den größten zusammenhängenden Kastanienwald Deutschlands vor ihrer Haustür. Und im Herbst doppelten Grund zum Feiern, denn der Wein ist gekeltert, und die Kastanien sind reif.

Geschichtsträchtig

Der Herbst ist auch die schönste Zeit für eine Tour auf dem „Pälzer Keschdeweg“, dem Wanderweg schlechthin in Sachen Kastanie. Gut 60 Kilometer, das schafft man locker an drei oder vier Tagen, denkt sich der ambitionierte Wanderer. Aber von wegen! Für Geschichte darf man sich schon mal gar nicht interessieren, wie sonst soll man vorbeikommen am Hambacher Schloss, der Wiege der deutschen Demokratie? Oder an Burg Trifels, der Reichsburg der Staufer? Und dann erst die vielen Bilderbuch-Dörfer am Wegesrand. Kaum hat man sich in Maikammer an den barocken Fassaden und schmucken Wirtshaus-Schildern sattgesehen und in Sankt Martin ein erstes Kastanieneis genossen, schon nähert man sich der nächsten Perle: Rhodt unter Rietburg mit seinen blumengeschmückten Fensterbänken und weinumrankten Torbögen. „Schatzkästle“ in der Pfalz wird der Ort auch gern genannt, nicht zuletzt wegen der Theresienstraße, der vielleicht schönsten Kastanien-Allee überhaupt.

Blumiges Aroma

Überall möchte man verweilen. Und manchmal gar nicht wieder aufstehen. Schon gar nicht nach dem Genuss einer Pfälzer Schlachtplatte wie der beim „Graf von Weyher“, einem Weingut nur ein Dorf weiter. Man hockt sich auf Strohballen oder auf die Terrasse, greift zu Blutwurst und Schwartenmagen, verschmäht auch die Käsesorten nicht und umspült alles mit einem guten Wein. Und hört, wie kundige Menschen schwärmen von einem „blumigen Aroma, ein bisschen in Richtung Rosine“.

Regionales Insiderwissen

Alle sitzen hier zusammen, Kenner und Laien, Pfälzer und Gäste. Letztere erkennt man daran, dass jeder an seinem eigenen Glas nippt. Der Pfälzer bestellt normalerweise einen Schoppen, in der Regel Riesling oder Weißherbst, und lässt ihn kreisen. Der, der den vorletzten Schluck nimmt, muss dann den nächsten Schoppen holen. So jedenfalls erzählt es Ute Seitz. Sie ist Weinexpertin und zugleich Natur- und Landschaftsführerin, kennt also nicht nur etliche der über tausend Winzer an der Südlichen Weinstraße, sondern ist auch vertraut mit den Gewohnheiten der Pfälzer und den Besonderheiten der Region.

Dass zum Beispiel die Wanderhütten nur am Wochenende geöffnet haben und ansonsten nur noch am Mittwoch, weil dann die Ärzte zu haben, ist echtes Insiderwissen. Und dass die Bewohner einer Industriestadt wie Ludwigshafen schon vor gut 100 Jahren in den Wald fuhren, „um gute Luft zu schnaufen“, ist auch nicht unbedingt Gemeingut.

Stachelige Hülle

Seitz verrät auch, wie man an das glatte, braune Innenleben der Kastanien kommt, denn die Früchte sind ja ein wenig unnahbar. „Die piksen sehr.“ Seitz nutzt zwei Techniken: Entweder mit dem Fingernagel hinter die stachlige Hülle kommen und dann abpellen oder aber unter dem Fuß rollen. Zuzubereiten sind sie relativ einfach, sagt Seitz, man röstet sie im Ofen oder gart sie in kochendem Salzwasser.

Dass sich aus Kastanien auch ganz andere „Keschdlichkeiten“ zaubern lassen und die Pfälzer Küche weit mehr ist als Saumagen, Bratwurst, Leberknödel und Sauerkraut, davon kann man sich in zahlreichen Restaurants überzeugen, zum Beispiel im „S`Reiwerle“ in Annweiler. Küchenmeister Tobias Fink schüttet zwei Flaschen Dornfelder in einen großen Topf, in dem bereits diverse Zutaten für eine braune Jus vor sich hinköcheln. Denn an der Sauce erkennt man eine gute Küche. „Und der Pfälzer isst Sauce.“ Und ansonsten gern deftig. Aber da es von Annweiler bis Hauenstein, der letzten Station auf dem Keschdeweg, noch ein gutes Stück ist, muss man sich hier auch nicht unbedingt zurückhalten. Macht der Pfälzer schließlich auch nicht, jedenfalls nicht beim „Esse und Dringge“.

Die passendeLektüre fürs Gepäck: „Gebrauchsanweisung für die Pfalz“ von Christian Habekost (Piper Verlag).


Informationen zum „Pälzer Keschdeweg“ im Internet unter   www.keschdeweg.de 
Veranstaltungen, Unterkünfte und Arrangements unter   www.suedlicheweinstraße.de 

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September 05, 2020 at 10:15AM
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